Zirkuspferde, sagte der Mann im Bus, mir gegenübersitzend, Zirkuspferde haben es doch eigentlich sehr gut getroffen. Man kümmert sich um sie. Täglich erhalten sie ihr Fressen und ihr frisches Wasser. Sie werden erzogen, dressiert, wobei sie kleine Kunststücke lernen, die sie allabendlich im Manegen Rund vorführen dürfen. Dafür bekommen sie viel Applaus. Am schönsten aber muss es für sie sein, wenn eine junge Akrobatin vor einer verzückten Menschenmenge Kunststücke auf ihren Rücken vorführt. Dann tragen sie eine große Verantwortung. Das macht sie, glaube ich, sehr stolz.
Ein Mann mit Zylinder, in schwarz gekleidet, tätschelt nach jedem Auftritt den Leib dieser Pferde, und sie erhalten eine kleine Belohnung.
Das tun sie bis ins hohe Alter. Doch glauben Sie nicht, sprach er zu mir und sah mir dabei fest in die Augen, dass diese Pferde nach arbeitsreichem Leben zu nichts mehr taugen. Man gewährt ihnen, angesichts ihrer Verdienste, ein Gnadenbrot. Sie werden auch jetzt gepflegt, gestriegelt und getätschelt. Kinder dürfen sie, gegen ein kleines Eintrittsgeld, besuchen, sie streicheln und mit Leckerbissen füttern. Bis zu ihrem Tode.
Wenn sie dann sterben, können sie voller Zufriedenheit auf ein erfülltes Leben zurückblicken. Sehen Sie, schloss er, ich glaube, dass sie uns Menschen zusehen, mit wehender Mähne, kopfschüttelnd, uns bemitleiden. Ich glaube übrigens fest daran, dass Zirkuspferde weinen können.
© Ralph Jenders; aus ‚Die Ewigkeit des Augenblicks‘, 1997